DVV
Deutsche Vereinigung
zur Be
kämpfung der Viruskrankheiten e. V.







 

Nationale Kommission für die Polioeradikation in der Bundesrepublik Deutschland

Geschäftsstelle: Robert-Koch-Institut Berlin

Neue Verantwortlichkeiten in der Polioüberwachung

Auf Beschluss des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) sind die Aktivitäten zur Überwachung der Poliosituation in Deutschland, die seit 1997 federführend am NLGA in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren am RKI durchgeführt wurden, ab 2010 komplett in den Aufgabenbereich des RKI übergegangen.

 Nach Auffassung der WHO soll in Deutschland eine transparentere Trennung zwischen der Arbeitsebene der Polioüberwachung und der Kontrollfunktion der NCC etabliert werden. Im Zuge der neuen Verantwortlichkeiten erfolgt deshalb eine Neuberufung und Umstrukturierung der NCC.

Die Ergebnisse aus beiden Überwachungssystemen werden zeitnah der Öffentlichkeit im Internet präsentiert: www.polioeradikation.nlga.niedersachsen.de > Polio in Deutschland > AFP-Surveillance /Enterovirus-Surveillance

 

Eradikation der Poliomyelitis in Deutschland

Ende des Jahres 2001 konnten alle nationalen Kriterien erfüllt werden, die Deutschland als frei von Polioviren ausweisen. Damit konnte der Beitrag Deutschlands als Teil der Europäischen Region für die Zertifizierung durch die WHO als erfolgreich abgeschlossen betrachtet werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am 21. Juni 2002 die gesamte Region Europa – und damit auch Deutschland – als „poliofrei“ zertifiziert (Anlage: Zertifikat). Damit ist ein großes Ziel auf dem Weg zur globalen Ausrottung der Kinderlähmung, die noch vor wenigen Jahren weltweit eine erhebliche Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellte, erreicht.

Garant für diese mehr als erfreuliche Entwicklung war eine konzertierte Aktion zwischen dem Bundesministerium, den Länderministerien, dem verantwortlichen nationalen Komitee der DVV sowie die optimale Zuarbeit der praktisch tätigen Infektionsmediziner. Es ist damit ein Ziel erreicht, das sich die DVV bei ihrer Gründung am 31. August 1954 als wichtigstes in ihre Satzung geschrieben hat.

Da die Eradikation einer Infektionskrankheit, die über Jahrtausende die Gesundheit der Menschheit erheblich beeinträchtigte, eine „Sternstunde“ darstellt, wurde dies von Seiten der DVV anlässlich eines speziellen Symposiums am 22. April 2002 gewürdigt. Zu der Veranstaltung waren als Referenten Vertreter der WHO, der STIKO, der Infektiologischen Fachgesellschaften, von Rotary und der DVV eingeladen.

 

Polio-Leitfaden - Notfallplan

Die WHO fordert von allen Mitgliedsländern einen verbindlichen Notfallplan, in dem geregelt ist, wie im Falle einer Polioeinschleppung vorgegangen werden soll, um eine Ausbreitung schnell und effizient zu verhindern. In der nun vorliegenden Fassung wurde insbesondere Wert darauf gelegt, dass das Management von Verdachtsfällen sich in Abhängigkeit davon, ob in Deutschland bereits ein Poliofall aufgetreten ist oder nicht, unterscheidet. Dieser Leitfaden soll als Hilfestellung für den ÖGD ein standardisiertes und koordiniertes Handeln in dieser Situation gewährleisten.

 

Stand der globalen Polioeradikation

Heute ist Poliomyelitis durch großangelegte Impfprogramme nur noch in vier Ländern endemisch: Nigeria, Indien, Pakistan, Afghanistan. Die Zahl der Polio-Neuinfektionen lag im Jahr 2007 bei unter 1.500 Fällen.

Aktuelle Zahlen und Informationen zum Stand der weltweiten Polioeradikation finden sich auf der Homepage des Globalen Programms unter:

http://www.polioeradication.org

Eine Region bzw. die Welt kann erst dann als poliofei zertifiziert werden, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind:

-       Ausreichender Impfschutz der Bevölkerung (>80-90%)

-       Mindestens drei Jahre keine Poliofälle

-       Funktionierendes Überwachungssystem, um eingeschleppte Polioviren zu erkennen

        und adäquate Maßnahmen einleiten zu können

-       Poliowildviren werden sicher gelagert (sog. Labor-Containment)

 

    Polio Info März 2010

 

Gegenwärtige Aufgaben der Nationalen Kommission für die Polioeradikation

Auch wenn in Deutschland die Kinderlähmung ihre Schrecken längst verloren hat und schon seit 1990 kein Polio-Fall mehr aufgetreten ist, werden in Deutschland alle Anstrengungen unternommen, den Status der Poliofreiheit zu sichern. Dazu gehören die Impfung, die Überwachung (Surveillance) und das Laborcontainment. Wird durch die Überwachungsinstrumente eine Poliovirus-Infektion in Deutschland erkannt, ist ein adäquates Vorgehen erforderlich. (Siehe Management-Leitfaden für die zuständigen Gesundheitsbehörden).

Impfung:

Die Erfassung der Durchimpfung in Deutschland erfolgt neben projektartigen repräsentativen Erhebungen insbesondere durch die Schuleingangsuntersuchungen, bei denen routinemäßig der Impfstatus erhoben und zentral am Robert Koch-Institut (RKI) ausgewertet wird.

Seit 1998 liegt anhand dieser Daten die Durchimpfung gegen Polio über 94%, seit 2005 sogar über 96%.

Überwachung (Surveillance):

Um für Deutschland den Nachweis der fortbestehenden Poliofreiheit zu liefern und um eine mögliche Einschleppung von Polioviren frühzeitig erkennen zu können, werden derzeit zwei ineinander übergreifende Systeme durchgeführt: die AFP-Surveillance sowie die Enterovirus-Surveillance.

AFP-Surveillance:

Bei der AFP-Surveillance soll bei allen Kindern unter 15 Jahren mit akut auftretenden schlaffen Lähmungen (AFP= acute flaccid paralysis) eine Polioinfektion durch die virologische Untersuchung von zwei Stuhlproben (innerhalb von 14 Tagen nach Lähmungsbeginn mit Mindestabstand 24 Std.) ausgeschlossen werden.

Da Erkrankungen mit schlaffen Paresen (GBS, transverse Myelitis, etc.) auch in poliofreien Ländern regelmäßig auftreten, sind auch in Deutschland nach Schätzungen der WHO ca. 116 dieser Fälle pro Jahr zu erwarten (1 AFP-Fall / 100.000 Personen unter 15 Jahre).

Leider ist es seit Einführung der AFP-Surveillance im Jahr 1998 nicht gelungen, bundesweit die Zahl der erwarteten AFP-Fälle in vollem Umfang zu erfassen.

Enterovirus-Surveillance:

Da, wie beschrieben, die AFP-Surveillance sich nur ungenügend etablieren konnte, hatte die Nationale Kommission im Jahr 2005 mit der Erprobung eines anderen Erfassungssystems begonnen. Es handelt sich dabei um die Einführung einer Enterovirus-Surveillance bei zentralnervösen Infektionen. Grundlage dafür war das Wissen, dass von tausend mit Polioviren infizierten Personen lediglich 5-10 Personen klinisch mit klassischen Lähmungen erkranken, dass aber der Anteil derer, die an akuten ZNS-Symptomen erkranken bei etwa 20-40 Personen liegt.

In Kooperation mit dem Nationalen Referenzzentrum für Poliomyelitis und Enteroviren am Robert Koch-Institut und 13 Laboren, die bei der Enterovirus-Diagnostik an Ringversuchen des RKI teilnahmen bzw. teilnehmen, wird bundesweit allen pädiatrischen und neurologischen Abteilungen angeboten, Stuhl- oder Liquorproben von Patienten mit akuten zentralnervösen Infektionen in diesen Laboren auf Enteroviren untersuchen zu lassen. Da diese Untersuchungen durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) finanziell gefördert werden und die Labors diese zu einem Selbstkostenpreis durchführen, kann die Enterovirus-Diagnostik zur differentialdiagnostischen Abklärung von viralen Meningitiden/Enzephalitiden den beauftragenden Krankenhäusern unentgeltlich angeboten werden.

Pro Jahr werden Proben von ca. 2500 Patienten untersucht. In ca. 30% der Fälle ist die PCR auf Enteroviren positiv und bei ca. der Hälfte dieser Proben kann ein Enterovirus-Serotyp bestimmt werden.

Laborcontainment:

Das Containment von Poliowildviren gilt neben hohen Impfraten und einer funktionsfähigen Surveillance zur Überwachung der Polio-Freiheit als wichtiges Element für die Zertifizierung einer WHO-Region als poliofrei. Nachdem im Dezember 2001 die nationale Kommission für die Polioeradikation in der Bundesrepublik Deutschland der WHO offiziell signalisiert hat, dass Deutschland als poliofrei zu betrachten ist, gewann das hier im Laufe des Jahres 2001 begonnene Containment zunehmend an Bedeutung. Die Umsetzung des Teilprojekts Containment, d. h. die Befragung von Laboren nach der Verwendung/Lagerung von Poliowildviren und die anschließende Auswertung und Anlage eines bundesweiten Registers entsprechender Labore, wurde am Niedersächsischen Landesgesundheitsamt durchgeführt.

Zur Identifizierung von Poliowildviren bzw. Poliowildvirus-infiziertem Material wurde im November 2001 ein erster Fragebogen an alle Labore in Deutschland versandt, die aufgrund ihres Betätigungsfeldes für diese Erhebung in Betracht kamen. Da es keine bundesweite, zentrale Registrierung für biologische oder medizinische Labore gibt, wurden unterschiedlichste Quellen genutzt, um eine Liste der anzuschreibenden Einrichtungen anzufertigen. Über 3500 Labore wurden auf diese Weise festgestellt. Der Fragebogen wurde nach internationalen Leitlinien der WHO gestaltet und bundesdeutschen Verhältnissen angepasst.

Alle der über 3500 Labore haben inzwischen geantwortet. Insgesamt haben 54 Labore angegeben, entsprechendes Material zu lagern. 25 Labore wollen dieses Material behalten und haben sich verpflichtet, dieses unter den entsprechenden Sicherheitsbedingungen zu lagern. Diese Labore werden dann im sog. "Nationalen Register" geführt. Eine Abfrage bei den restlichen Labors, die diese Materialien zur Vernichtung vorgesehen haben, ergab, dass dies bis zum Jahresende 2004 in all diesen Labors geschehen ist.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind alle Labors verpflichtet Sicherheitsvorkehrungen hinsichtlich des Arbeitens mit Poliowildviren oder mit Materialien, die Poliowildviren enthalten oder enthalten könnten, zu beachten. Der zuständige Fachausschuss ABAS hatte dafür bereits vor einigen Jahren die erforderlichen Kriterien festgelegt und die Länderbehörden sind dafür zuständig die Einhaltung zu überwachen. Es ist davon auszugehen, dass die erforderlichen Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich eingehalten werden.

Ausblick

Die Wiedereinschleppung von Polioviren von Pakistan nach Australien, wie auch das Auftreten von Poliowildviren in Abwasser in der Stadt Genf, beides geschehen im Jahr 2007, belegen das nach wie vor bestehende Risiko eines Reimportes von Poliowildviren.

Öffentlichkeitsarbeit:

Um den Anforderungen der WHO wie auch der Deutschen Bundesregierung gerecht werden zu können, ist nach wie vor eine intensive Motivationsarbeit bei den deutschen Krankenhäusern erforderlich. Diese geschieht u.a. durch eine regelmäßige E-Mail-basierte Nullabfrage zu AFP-Fällen bei der Mehrzahl der Kinderklinken und neurologischen Abteilungen deutschlandweit sowie durch regelmäßige Aussendung von Informationsmaterial zur Poliosituation und den Ergebnissen der Surveillance (sog. Polio-Info).

Bis zur globalen Zertifizierung ist noch ein gutes Stück Weg zu gehen und auch nach dem letzten Poliofall weltweit muss noch für mindestens 8 Jahre eine effiziente Polio-Überwachung in allen Ländern aufrechterhalten werden.

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A  r  c  h  i  v

Konstitution der Nationalen Kommission für die Polioeradikation

Die von der deutschen Bundesregierung mit dem Projekt der Polio-Eradikation bzw. Zertifizierung der Eradikation durch die WHO beauftragte Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) beruft die Mitglieder einer Nationalen Kommission für die Polio-Eradikation.

Der Kommission gehören an:

·      die Mitglieder des Arbeitskreises Polio-Eradikation

·      eine Mitglied des Seuchenausschusses der Konferenz der Gesundheitsminister

       und Senatoren der Länder

·      ein Beauftragter des Bundesministeriums für Gesundheit

·      ein Mitglied der Bundesärztekammer

·      ein Mitglied der Ständigen Impfkommission STIKO und je ein Mitglied folgender

        wissenschaftlicher Gesellschaften:

-       Deutsche Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

-       Deutsche Gesellschaft für Neurologie

-       Deutsche Gesellschaft für Virologie

Aufgaben der Nationalen Kommission für die Polio-Eradikation:

Die Aufgaben der Nationalen Kommission bestehen in der Festlegung des Ausmaßes des Survey zur Polio-Eradikation sowie in der Begleitung der damit beauftragten Institutionen. Die Nationale Kommission hält zweimal jährlich eine Konferenz ab.

Die erste Konferenz fand im Juni 1998 statt. Die Themen der ersten Konferenz waren:

1.      Konsensusbildung über Ausmaß der Überwachung bei der Polio-Eradikation

-       Epidemiologische Erfassung von AFP

-       Virologische Erfassung von AFP

-       Enterovirus-Register

-       Abwasser-Untersuchungen auf Polio-Wildvirus(?)

-       Erfassung des Durchimpfungsgrades gegen Polio von Migranten (?)

-       Erfassung des Ausmaßes der möglichen Einschleppung von Polio-Wildvirus durch Migranten (?)

2.      Festlegung von

-       Art und Intensität der Begleitung des Survey

-       Motivation der Ärzte der Krankenhäuser der Bundesrepublik Deutschland über die

        Notwendigkeit des Survey

-       Öffentlichkeitsarbeit in der Fachpresse

3.      Festlegung der Dauer der Überwachung

Zertifikat über die Poliofreiheit der WHO-Region Europa (21.Juni 2002)

Poster zum Symposium der DVV, April 2002

 

Zusammenfassender Abschlussbericht an die Regionale Zertifizierungskommission der WHO für die Polioeradikation vom Dezember 2001:

(aus dem Englischen übersetzt)

Polioeradikation in der Bundesrepublik Deutschland

Der letzte Fall einer autochthonen Poliomyelitis in Deutschland trat 1990 auf.

1988 unterzeichnete die deutsche Bundesregierung die Resolution der Weltgesundheitsversammlung über die globale Eradikation der Poliomyelitis. Seit 1997 nimmt Deutschland aktiv an dem Polioeradikationsprojekt teil, unter besonderer Berücksichtigung der AFP-Surveillance und des Laborcontainments. Zur gleichen Zeit wurde die Nationale Kommission für die Polioeradikation gegründet. Basierend auf den Prinzipien und Richtlinien der Globalen Kommission für die Zertifizierung der Eradikation der Poliomyelitis entwickelte die Nationale Kommission Kriterien anhand derer bewiesen werden soll, dass Deutschland frei von autochthonen Poliowildviren ist. Gleichzeitig ist es Aufgabe der Nationalen Kommission, das Ausmaß, in dem diese Kriterien erfüllt wurden, zu beurteilen.

Die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) wurde von der deutschen Bundesregierung zum Projektmanager ernannt. Die DVV ihrerseits delegierte die Umsetzung der notwendigen Aufgaben an das Niedersächsische Landesgesundheitsamt in Hannover und an das Nationale Referenzlabor für Poliomyelitis und Enteroviren am Robert Koch-Institut in Berlin.

Alle Bemühungen sicherzustellen, dass Deutschland als poliofrei bezeichnet werden kann, ruhen auf den folgenden Säulen.

1.      Impfung und Impfstatus

2.      AFP/Poliomyelitits Surveillance

3.      Laborcontainment

 

Ad 1) Impfung und Impfstatus

Auf Grund einer generellen Impfempfehlung für OPV bis zum Jahr 1998 bzw. für IPV seit 1998 ist der Impfschutz bei Kindern ausreichend. Wie bei den routinemäßigen Überprüfungen der Impfausweise im Rahmen der obligatorischen Schuleingangsuntersuchungen gezeigt werden konnte, haben in allen Bundesländern 93 bis 97 % der Kinder einen kompletten Impfschutz gegen Poliomyelitis. Diese jährliche Querschnittsuntersuchung erlaubt es, Lücken im Impfschutz in der Bevölkerung und in einzelnen Individuen zu erkennen, gleichzeitig wird eine direkte Intervention der örtlichen Gesundheitsämter in Form von Auffrischungsimpfungen ermöglicht.

Abschließend kann gesagt werden, dass der Impfschutz der deutschen Kinder seit vielen Jahren auf einem ausreichend hohen Niveau ist, um eine Zirkulation von Poliowildviren sicher ausschließen zu können.

 

Ad 2) AFP/Poliomyelitits Surveillance

Deutschland wählte die AFP-Surveillance als sachgerechtes Überwachungssystem. Angesichts der bekannten Schwierigkeiten der AFP-Surveillance in nicht-endemischen Ländern konnten durchschnittlich in den letzten 3 Jahren ca. 45 % der erwarteten Fälle durch die Nationale Kommission registriert werden. Obwohl die Rate der AFP-Fälle mit angemessenen Stuhlproben unterhalb des WHO-Standards lag, konnte bei allen AFP-Fällen unter 15 Jahre auf Grund der klinischen follow-up-Untersuchungen eine Poliomyelitis ausgeschlossen werden.

Seit 01.01.2001 ist die AFP-Surveillance mit dem Infektionsschutzgesetz und der darin enthaltenen Meldung zur Poliomyelitis (Verdacht, Erkrankung, Tod) verknüpft. Im Falle eines Verdachtes einer Poliomyelitis werden alle Ebenen des öffentlichen Gesundheitswesens bis hin zur WHO sofort informiert, wodurch ein promptes Reagieren der entsprechenden Fachkräfte auf internationaler, nationaler und subnationaler Ebene ermöglicht wird.

 

Zusätzlich ist zu hoffen, dass sich die AFP-Rate auf Grund des neuen Infektionsschutzgesetzes in Zukunft erhöhen wird.

Abschließend kann gesagt werden, dass die Bemühungen das AFP-Surveillancesystem zu vervollständigen und ein optimales Funktionieren sicher zu stellen, fortgeführt werden.

 

Ad 3) Laborcontainment

Durch eine Anfrage bei verschiedenen Institutionen und wissenschaftlichen Vereinigungen konnte eine Datenbank mit über 3.500 Adressen von Laboren erstellt werden, die in das Laborcontainmentprojekt einbezogen werden müssen. In einem ersten Anschreiben an all diese Labore in dem nach der Lagerung von Material, das möglicherweise Poliowildviren enthalten könnte, gefragt wurde, haben bisher 40 % der Angeschriebenen geantwortet. Bisher erklärten 25 Labore, dass sie infektiöses Material diese Art lagerten. Insgesamt werden etwa 50 bis 60 Labore erwartet, die Material lagern, das Poliowildviren enthalten könnte. In einem nächsten Schritt muss dann entschieden werden, ob dieses Material zerstört oder unter strengen Sicherheitsbedingungen weiterhin gelagert werden kann.

Abschließend kann gesagt werden, dass das Laborcontainmentprojekt, das Anfang 2001 gestartet wurde, in Übereinstimmung mit dem festgelegten Zeitplan durchgeführt werden konnte. Es kann davon ausgegangen werden, dass das Laborcontainmentprojekt im Laufe des Jahres 2002 erfolgreich abgeschlossen sein wird.

 

Unter Berücksichtigung all der zuvor geschriebenen Errungenschaften zum gegenwärtigen Stand der Vorbereitungen für die Polioeradikation, kommt die Nationale Kommission für die Eradikation der Poliomyelitis in Deutschland zu der Überzeugung, dass zurzeit

-    keine Poliowildviren in Deutschland zirkulieren

-    die Bevölkerung gut gegen importierte Poliowildviren geschützt ist

-    eine ausreichend gute Surveillance besteht, die auch eine prompte Intervention erlaubt

-    das Laborcontainment erfolgreich angelaufen ist und gemäß den Empfehlungen der WHO

     umgesetzt wird.

Zusammenfassend sind die Mitglieder der Nationalen Kommission der festen Überzeugung, dass zumindest in den letzten 3 Jahren in Deutschland keine autochthone Zirkulation von Poliowildviren auftrat.

Pressemitteilung der DVV

(anläßlich des DVV-Symposiums „Polioeradikation in Deutschland“, Berlin, 2002)

Die WHO hat sich 1988 das hohe Ziel gesteckt, die Poliomyelitis in einem absehbaren Zeitraum weltweit auszurotten. Die entscheidende Voraussetzung dafür war das Vorhandensein eines wirksamen Impfstoffes, der als „Schluckimpfung“ verabreicht werden konnte und so einfach auszusenden war. Die Impfung, die 1960 in der DDR und 1962 im Bundesgebiet eingeführt wurde, bewirkte einen dramatischen Rückgang der Erkrankungszahlen. Der letzte autochthone Poliomyelititis-Fall ist in unserem Lande 1990 aufgetreten. Damit Deutschland als poliofrei gelten kann, muss nun durch ein geeignetes System der Überwachung nachgewiesen werden, dass tatsächlich keine Polioviren mehr zirkulieren. Gut geeignet für ein solches Surveillance-System ist die Erfassung und Abklärung aller Fälle von akut auftretenden schlaffen Lähmungen (acute flaccid paralysis, AFP) bei Kindern unter 15 Jahren. Solche Lähmungen sind typisch für eine Poliomyelitis, sie können aber auch durch andere Viren hervorgerufen werden.

Nachdem sich Deutschland 1997 dem Eradikationsprogramm angeschlossen hatte, wurde die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e.V. (DVV), die 1954 vor allem zur Bekämpfung der Poliomyelitis im Lande gegründet worden war, von der Bundesregierung zum Projektmanager ernannt. Die neugebildete Nationale Kommission zur Polioeradikation erarbeitete anhand der Richtlinien der Globalen Kommission die für die Zertifizierung der Ausrottung der Poliomyelitis notwendigen nationalen Kriterien. Das Niedersächsische Landesuntersuchungsamt in Hannover wurde beauftragt, eine Zentrale Erfassungsstelle für die Polioeradikation zu bilden und gemeinsam mit dem Nationalen Referenzzentrum für Polio und Enteroviren am Robert Koch-Institut die AFP-Surveillance zu betreiben. Die Praxiseinführung des Überwachungssystems war schwierig, so dass die Erfassungsrate mit etwa der Hälfte der zu erwartenden AFP-Fälle relativ niedrig ist.

Eine weitere Voraussetzung dafür, dass Deutschland als poliofrei bezeichnet werden kann, ist der Impfstatus der Bevölkerung. Auf Grund der generellen Impfempfehlung ist der Impfschutz bei deutschen Kindern seit vielen Jahren auf einem ausreichend hohen Niveau, um eine Zirkulation von Polio-Wildviren sicher ausschließen zu können.

Der gegenwärtige Stand der Polio-Eradikation in Deutschland lässt sich wie folgt beschreiben:

-         Es zirkulieren in Deutschland keine Polio-Wildviren

-         Die Bevölkerung ist durch Impfung gut gegen importierte Polio-Wildviren geschützt

-         Es besteht eine akzeptable Surveillance, die im Falle von Erkrankungen auch ein schnelles

          Handeln erlaubt

Die Poliomyelitis ist damit nach den Pocken die zweite folgenschwere Virusinfektion, die durch Impfung in absehbarer Zeit weltweit ausgerottet werden kann. Das unterstreicht einmal mehr die Notwendigkeit einer konsequenten Umsetzung nationaler Impfprogramme und die Verantwortung, die alle diejenigen tragen, die in der Öffentlichkeit die Impfung thematisieren. Vor allem die Förderung der Prävention durch Impfung als Gesundheitsziel in Deutschland von Seiten des Gesetzgebers trägt entscheidend dazu bei, auch zukünftig günstige Bedingungen für die Zurückdrängung bzw. Eradikation weiterer Infektionskrankheiten zu schaffen.

 

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